2013 gelernt

Gestern wurde ein Notizbuch vergessen. Es besitzt das Grundformat DIN A5, einen Umschlag aus ungestrichenem schwarzem Karton, 32 Seiten Inhalt, von denen acht Seiten beschrieben und zwei Seiten herausgerissen wurden. Es befindet sich in einem guten Allgemeinzustand. Am Preisschild lässt sich erkennen, dass es in Frankreich gekauft wurde. Auf den ersten Seiten hat die Besitzerin – die Handschrift sieht recht feminin aus – die Adressen mehrerer Pariser Bars notiert, so als wäre ein Besuch dieser gastronomischen Einrichtungen geplant gewesen.

Desweiteren ist eine chronologische Liste einschneidender Ereignisse einer alten Erfurter Juweliersfamilie seit dem späten 18. Jahrhundert niedergeschrieben, sowie eine persönliche Liste, die den Titel „2013 gelernt“ trägt. Dort wurde festgehalten:

  • Man kann sich lieben, aber einfach nicht zusammen passen.
  • Bei den Eltern ist es gar nicht so schlimm.
  • Ein Jahr ohne richtigen Urlaub ist ein verschwendetes Jahr
  • Sex ist für mich wichtig.

Wir gehen davon aus, dass der Mensch Notizen erstellt, um die erfassten Informationen nachschlagen zu können, falls sie in Vergessenheit geraten sind. Wir stellen uns vor, dass die Erstellerin dieser hier vorliegenden Liste in ein paar Jahren wieder draufschaut und dann denkt: Ach stimmt ja, bei den Eltern ist es gar nicht so schlimm, könnte ich mal wieder  hinfahren. Oder: Verdammt! Völlig vergessen: Sex ist wichtig für mich.

Vorausgesetzt sie holt das Notizbuch bei uns ab oder liest unser Blog.

Vielleicht sollten wir eine Babyklappe für vergessene Gegenstände einrichten, damit die Besitzer bei der Abholung inkognito bleiben können. Obwohl wir die Person, die im Jahr 2013 bemerkt hat, dass man sich lieben aber einfach nicht zusammen passen kann, gerne mal kennenlernen würden.

Vereinte Nationen

Gestern wurde ein Briefmarkenalbum vergessen. Es hat das geschlossene Format von DIN A5 hoch und ein geöffnetes Format von DIN A4 quer. Darin befinden sich 86 Briefmarken auf 12 Seiten verteilt. Alle Briefmarken wurden von den Vereinten Nationen in den Jahren 1983-1987 ausgegeben.

Bis heute war uns nicht bekannt, dass die UNO überhaupt Briefmarken ausgibt. Die darauf angegebene Währung wird in der Einheit „s“ angegeben. Wir vermuten, dass es sich um UNO-Schilling handelt. Hat die UNO eine eigene Post?

Mit Abstand am besten gefiel uns eine Briefmarke, die die Überschrift „Wirtschafts- und Sozialrat“ trägt (siehe Abbildung). Sie ist im Wert von 6 UNO-Schilling ausgegeben worden und hat eine spektakuläre Grafik als Motiv.

Eine rote Diagrammkurve schneidet das Bild von links unten nach rechts oben und bildet somit einen Wert ab, der in Bezug zur Zeit, deren Werte sich auf der x-Achse befinden dürfte, veränderbar aber doch stetig steigt. Kleine Plateaus des Stillstandes sind deutlich auszumachen.

Auf dieser Diagrammlinie befindet sich eine Familie in Form von Piktogrammen. Sie benutzen die kleinen Plateaus des Stillstandes als Treppenstufen.
Das Kind will von allen Familienmitgliedern am dringendsten nach oben. Es streckt den einen Arm freudig aus und gibt die Richtung vor. „Da, schaut, da will ich hin!“ Es zieht die Mutter mit der anderen Hand hinter sich her. Der Vater, der als letzter geht, schiebt sie von hinten am Rücken vor sich her.

Woraus besteht diese Treppe? Der internationalen Inflationsrate? Der monatlich mittleren Durchschnittstemperatur von Rom in den Monaten Januar bis Juli? Wohin will das Kind so unbedingt gehen? Zum nächsten Peak? Warum sieht es nicht, dass da keine Stufe mehr kommt und der Aufstieg fast unmöglich wird?  Warum scheint die Mutter erschöpft zu sein und nicht nach oben zu wollen?

Wir wissen es nicht und werden es vielleicht auch nie erfahren. Aber wir werden nun eine Postkarte mit der Vier-UNO-Schilling-Marke „Sicherheit auf See“ frankieren und sie an uns selber adressieren. Wir sind gespannt, ob wir den Rettungsring in dessen Mitte sich ein Radarbild befindet jemals wiedersehen werden.

Nicht schwanger

Gestern wurde ein Schwangerschaftstest vergessen. Seine Grundform erinnert an ein Fieberthermometer. Er ist fünfzehn Zentimeter lang, hat einen weißen Korpus und eine blaue Kappe, passend zum Namen des Herstellers ‚clearblue‘. Der Test weist eindeutige Gebrauchsspuren auf. Sein Display zeigt an „Nicht Schwanger“.

Aus der beiligenden Verpackung erfährt man, dass er das eindeutige Ergebnis in Worten abbildet, da er ein digitaler Schwangerschaftstest ist. Das ist angemessen. Wenn Schwangerschaftsstest im St. Oberholz, dann bitte auch digital. Weiter wird erläutert, dass im Falle einer erfolgreichen Befruchtung auch die Anzahl der Wochen seit der Empfängnis angezeigt wird.

Wir finden es fehlt noch der Teile-das-Ergebnis-dieses-Tests-jetzt-mit-Deinen-Freunden-Button. Wir wissen nicht, ob der Test abhörsicher ist.

In der Anleitung steht, dass man das Einweggerät nach Gebrauch an der örtlichen Schadstoffsammelstelle abgegeben soll, da es eine Batterie und Elektronik enthält.
Früher war weniger Information, aber leichtere Entsorgung.

Schwarzfahren

Gestern wurde eine Quittung vergessen. Bescheinigt wurde ein erhöhtes Beförderungsentgelt von 40 Euro, das gemäß §9 der geltenden Beförderungsbedingungen erhoben wurde.

Die Beförderungsbedingungen regeln das Zusammenspiel zwischen Verkehrsunternehmen und Fahrgästen. Die Quittung gilt im Rahmen des Tarifes als Fahrtberechtigung bis zum Verlassen des benutzten Verkehrsmittels.

Erwischt wurde der Besitzer der Quittung in der U8 im Bahnhof Weinmeisterstraße. Das ist eine Station vom St. Oberholz entfernt. Das war knapp, würden wir sagen.

Könnte bitte mal jemand den QR Code scannen?

Der schwarze Obelisk

Gestern wurde ein schwarzer Obelisk vergessen. Er ist nicht groß. Die sechseckige Grundfläche hat einen Durchmesser von sieben Millimetern, tendiert farblich zu lila, während sich der Stein nach oben etwas verbreitert und schwarz wird. Die Höhe beträgt 21 Millimeter an der Spitze.

Die Ägypter bauten die ersten Obelisken. Sie betrachteten sie als Verbindungselement zwischen der Menschenwelt und der Götterwelt. Wir betrachten sie als Schnittstelle zwischen der Gastrowelt und der Gastwelt.

Der größte Obelisk der Welt steht selbstverständlich in den USA, das Washington Monument. Es war bis zur Fertigstellung des Eiffelturmes sogar für kurze Zeit das höchste Bauwerk der Welt: 169 Meter.

Der kleinste Obelisk der Welt steht seit heute im St. Oberholz in Berlin.

Köcher

Gestern wurde ein Köcher vergessen. Sein 60 cm langer Korpus besteht aus einem Holzstück, dass innen ausgehölt wurde. Die offenen Enden sind mit Lederkappen verschlossen, die runde obere Spitze lässt sich öffnen. Zwei verschiedene Riemen sind an ihm befestigt, in der Mitte wird er von einer Verzierung umfasst, dort befindet sich auch ein kleines Accessoire, eine kleine Tasche, sie hat keinen Inhalt.

Im Köcher selber befinden sich zwei Pfeile, sie haben keine Spitzen und Ihre Leitfedern sehen zerzaust aus, aber funktionsfähig.

Köcher gehören zu Pfeil und Bogen, sie wurden in vielen verschiedenen Kulturen benutzt. Die beiden Riemen dienen vermutlich zu verschiedenen Befestigungen, vielleicht einmal am Menschen einmal am Pferd. Die kleine Tasche könnte für die Pfeilspitzen gedacht sein, die man erst im Ernstfall auf die Pfeile aufsetzt.

Das ist uns alles einigermaßen klar. Was uns allerdings völlig unklar ist: wer zum Teufel läuft mit einem Köcher durch Berlin Mitte und vergisst diesen in einem Café?

Falls das hier irgendein ein neuer Hipstertrend sein sollte, lassen wir es Euch wissen.

Jackson Lab in Bar Harbour

Gestern wurde eine Seite eines Ringblockes vergessen. Sie ist beidseitig handschriftlich beschrieben. Die Druckbuchstaben wurden mit einem blauen Kugelschreiber aufgetragen. Viele Änderungen und Korrekturen, sowie der Inhalt des Textes lassen auf die Arbeit eines Sprachschülers schliessen. Er beschreibt vermutlich seinen Herkunftsort Bar Harbour auf der Mount-Desert-Insel an der Küste des US Bundesstaates Maine.

Man sollte wissen, dass die Kneipen um ein Uhr nachts schliessen, bis auf die Diskothek Carmen’s, dort kann man tanzen mit „begeisterten Zuschauern.“

Nicht uninteressant ist auch die Information, dass sich die Jackson Laboratories hier befinden, die 90% der weltweit benötigten Labormäuse züchten.

Wir selber haben auch ein neues deutsches Wort aus diesem Kurs mitgenommen: „der Tanzbegeisterte“. Danke dafür.

Yusuf O. u.a.

Gestern wurde eine Pressekarte vergessen. Sie war „für den Prozess gegen Yusuf O. u.a. vor dem 1. Strafs. /KG“ bestimmt. Ausgestellt auf den Namen Barbara K. von der Präsidentin des Kammergerichts Berlin. Den Nachnamen der Journalistin haben wir aus datenschutzrechtlichen Gründen in der Abbildung unkenntlich gemacht. Der Klarname liegt der Redaktion vor.

Auf der Rückseite wird deutlich darauf hingewiesen, dass Fotografieren und Filmen während einer laufenden Hauptversammlung gesetzlich untersagt ist.

Unten links, sehr klein gedruckt steht: „SNJ 006, DTP“ Das erste Buchstabenkürzel steht vermutlich für „Senatsverwaltung für Justiz“ und das zweite für „Desktop Publishing“.

Wir denken dass es sich um einen Prozess im Januar 2012 gegen ein mutmaßliches Al Qaida Mitglied handelt. Warum die Pressekarte jetzt erst bei uns vergessen wird wissen wir nicht.

Barbara, kannst Du das vielleicht aufklären und uns auch einen Link zu Deinem Artikel über den Prozess zukommen lassen?

Cute Bartender

Es wurde eine beschriebene Serviette „vergessen“. Die Serviette ist 16 cm breit und 8 cm hoch. Sie sieht genauso aus, wie die Servietten, die wir bei uns im Café verwenden.

Jemand hat darauf geschrieben: „1745772xxx For the cute bartender with the black shirt.“ Die letzten drei Ziffern haben wir in der Abbildung aus datenschutzrechtlichen Gründen unkenntlich gemacht.

Wir wissen nicht, wann genau die Serviette vergessen wurde, vielleicht schon gestern Abend. Seit dem haben schon drei cute bartender im schwarzen Shirt gearbeitet. Deshalb haben wir angerufen, die Nummer ist leider falsch. Am anderen Ende der Leitung wusste niemand etwas über cute bartender.

Es sieht nach einer männlichen Schrift aus. Nun ist „bartender“ auch eher maskulin, aber es könnte auch ein weiblicher bartender gemeint sein. Im Sortiment hatten wir im fraglichen Zeitraum Frauen und Männer die cute und black shirt sind. Hat das ein Mann für eine Bartenderin geschrieben oder ein Mann für einen Bartender? Oder ist der Verfasser doch eine Frau. Ist denn heute alles metrosexuell geworden?

Sachdienliche Hinweise, sowohl in dieser Angelegenheit, wie auch zum Thema Metrosexualität nehmen wir gerne entgegen.

Briefwahl

Gestern wurde ein Umschlag mit Briefwahlunterlagen für die Präsidentschaftswahlen der USA vergessen. Er stammt vom Board of Elections, New York City, Bezirk Queens.

Der Brief ist recht groß und schwer. Viel größer und viel schwerer als deutsche Briefwahlunterlagen. Das Ding hat viel mehr Drama und Style.

Das Poststück ist an Marianna E. in Berlin gerichtet. Marianna, wenn Du das hier liest, sind die Unterlagen bereits auf dem Weg zu Dir. Wir haben sie einfach wieder in den Briefkasten gesteckt.

Bitte vergiss nicht, dass der Poststempel nicht älter als der 6. November sein darf und die Sendung nicht später als am 13. November bei Deinem zuständigen Wahllokal eintrifft. Sonst ist Deine Wahl ungültig.